Bericht zum 4. Verhandlungstag im Prozess von Prof. Song (31.12.03)
Bericht zum 4. Verhandlungstag im Prozess von Prof. Song Du Yul
In der 24. Strafkammer des Seouler Landesgerichts
Jörg Baruth, Mitarbeiter des Evangelischen Missionswerkes in Südwestdeutschland in Korea
Schon zur Pressekonferenz vor der Verhandlung erscheinen 2 Herren, die die Anwesenden als „Rote“ beschimpfen. Ich hatte Gelegenheit ein kurzes Statement abzugeben. Der Verhandlungsraum ist im Vergleich zur letzten Woche überfüllt, es fehlt an Sitzplätzen. Die ersten Reihen sind demonstrativ mit Gegnern Prof. Songs besetzt. Die Verhandlung beginnt um 14 Uhr. Der Richter ruft die Zeugen in den Zeugenstand. Als Zeuge für die Staatsanwaltschaft erscheint ein Herr Kim Gwang Dong, Politikwissenschaftler und Vorsitzende des Nara-forschungsinstitutes, Herr Lee Sam Yol, Chef der UNESCO Korea und Frau Yang Chung Yun, eine Ärztin, die in Deutschland studiert hat. Der Richter fragt Herrn Kim, ob er bereit wäre aus Rücksicht auf die Termine der anderen Zeugen später auszusagen. Herr Kim lehnt das mit dem Verweis auf einen eigenen Termin ab.
Die Staatsanwaltschaft gibt Herrn Kim ausführlich Gelegenheit seine Ansichten zur wissenschaftlichen Theorie Prof. Songs darzulegen. Während die Staatsanwaltschaft am 2. Verhandlungstag die Ausführlichkeit der Darlegungen Prof. Songs als dozierend bemängelt hat, zeigt sie im Falle Herrn Kims erstaunliche Toleranz sich dessen „Vorlesung“ im Gerichtssaal anzuhören. Auf die Frage, welchen Eindruck Herr Kim in Bezug auf den wissenschaftlichen Ansatz von Prof. Song hat, äußert der, dass er deren Wert bezweifelt. Die Staatsanwaltschaft ermuntert Herrn Kim die Juche Ideologie zu erläutern. Herr Kim erklärt ausführlich seine Sicht und kritisiert dabei u.a. Theologen wie Ahn Bjung Mu. Er bemängelt, dass er keine Kritik an den Zuständen in der DPRK in den Veröffentlichungen Prof. Songs erkennen kann. Herr Kim selber hält die DPRK für „das schlimmste Land“ der Welt. Er wirft Prof. Song vor gesagt zu haben, dass das Militär wichtig für den Erhalt der DPRK wäre. Außerdem würde Prof. Song die RO Korea negativ kritisieren, während er gleichzeitig eine positive Haltung zur DPRK an den Tag legt. Herr Kim zitiert aus eine Veröffentlichung des UNDP, dass die RO Korea eine der zügigsten Entwicklungen von einem unterentwickelten zu einem hochentwickelten Land vollzogen hat und Prof. Song ungeachtet dessen Kritik an der RO Korea äußert.
Staatsanwalt: „Hat Prof. Song mit seiner Methode auch die Verhältnisse in der RO Korea betrachtet?“ Herr Kim verneint das und erklärt, dass Prof. Song seine Methode dazu benutzt die RO Korea zu diffamieren, während er im selben Atemzug die DPRK in einem positiven Licht erscheinen lässt. Er fügt hinzu, dass Prof. Song in seinen Vorlesungen in Deutschland auch anti-amerikanisch argumentiert hat.
Staatsanwalt: „Welchen Einfluss hat Prof. Song auf die Studentenbewegung gehabt?“
Kim: „Er hat sowohl die Lehrkräfte als auch die Studenten so beeinflusst, dass jene die Verhältnisse aus der Perspektive der DPRK betrachten.“
Staatsanwalt: „Wie beurteilen sie Prof. Songs immanent-kritischen Ansatz?“
Kim: „Seine Methode verhindert, dass die Leute objektiv und neutral urteilen können.“
Im Grunde geht es in diesem Verhandlungsgang darum, zu zeigen, dass Prof. Song mit seiner Methode die Menschen in der RO Korea in einer Weise beeinflusst, dass sie die Verhältnisse in der DPRK sozusagen durch eine rosaroten Brille betrachten.
Herr Kim fügt ungefragt seine ganz persönliche Sicht der Dinge hinzu und erklärt, dass er das System in der DPRK als das Schlimmste überhaupt betrachtet. Er fände es bedauerlich, dass Prof. Song nichts daran kritisiere. Der Staatsanwalt ermuntert Herrn Kim weiteres Material beim Richter einzureichen, dass seine Sicht untermauert. Der Richter fragt, ob in diesem Material neue Aspekte zur Sprache kommen und bemerkt, falls das nicht der Fall ist, würden die Ausführungen des Herrn Kim ausreichen. Es wird kein weiteres Material eingereicht.
Verteidiger: „Was haben sie für ein Interesse an diesem Prozess?“
Kim: „Ich habe in einen Artikel gelesen, dass Prof. Song nicht objektiv über die DPRK reden kann.“
Verteidiger: „Sie haben in einem Artikel über Prof. Song geschrieben, dass Prof. Song identisch mit Kim Chol Su ist. Sind sie sich sicher, dass diese Gleichsetzung der Wahrheit entspricht?“ Kim: „Die Staatsanwaltschaft hat ihn so bezeichnet. Ich habe das übernommen.“
Verteidiger: „Sie behaupten, dass das Werben für Verständnis für die Situation in der DPRK gleichzusetzen ist mit der Unterstützung der DPRK. Bereits vor 4 Jahren hat man Prof. Songs Methode diskutiert. Warum äußern sie erst jetzt ihre Kritik daran?“
Kim: „Prof. Song hat viel Einfluss auf die Menschen in der RO Korea ausgeübt, das schmerzt mich heute wie damals.“
Verteidiger: „Ich halte ihre heutigen Äußerungen für problematisch, denn sie haben hier nicht als Wissenschaftler, sondern als Politiker ausgesagt.“ Kim erwidert, indem er Prof. Song wiederholt negativen Einfluss auf die Menschen in der RO Korea vorwirft. Er beklagt, dass durch Prof. Song viele Menschen in der RO Korea der DPRK positive Gefühle entgegen-bringen.
Verteidiger: „Finden sie, dass Prof. Song sich in einer Weise geäußert hat, die den Rahmen des Zumutbaren in einer Demokratie sprengt?“ Kim: „Ja.“
Verteidiger: „Was sollen wir von ihnen halten, sind sie hier als Wissenschaftler oder als Politiker? Haben sie je erlebt, dass Prof. Song gesagt hätte, es gäbe keine Menschenrechtsverletzungen in der DPRK?“ (Kim wirkt recht hilflos.)
Verteidiger 2: Er zitiert aus einem Buch von Prof. Song. „Prof. Song hat in diesem Buch die Demokratie in der RO Korea ausdrücklich gelobt. Warum reden sie generell anders über seine Ansichten. Das ist unrecht. Prof. Song hat wiederholt die unstabile wirtschaftliche Entwicklung in der RO Korea kritisiert, aber sich gleichzeitig positiv zur politischen Entwicklung geäußert. Ihre Darstellung seiner Sicht ist falsch!“ Der Verteidiger fährt fort Herrn Kim Ungereimtheiten und Generalisierungen in seiner Aussage nachzuweisen.
Verteidiger 2: „Prof. Song hat Angaben einer UN Statistik veröffentlicht. Warum werten sie das als Lobhudelei an die DPRK? Prof. Song kritisiert in seinen Veröffentlichungen auch die Verhältnisse in der DPRK, was seine kritische Haltung beweist. Prof. Song behauptet, Nord und Süd können zu beiderseitigem Vorteil zusammen leben. Sie kritisieren das als Lobgesang auf den Norden und übersehen dabei, dass Prof. Song sich positiv zur Rolle der RO Korea äußert. Das überrascht mich! (Gelächter im Publikum) Prof. Song hat in seiner Arbeit Kim Il Sung zitiert. Sie machen daraus eine Loyalitätserklärung an das System in der DPRK.“ Der Verteidiger zieht Vergleiche mit der Rolle Kims in diesem Prozess und der Rolle der Zeugen in den Prozessen der McCarthy Ära.
Verteidiger 3:
Er versucht in seiner Vernehmung zu zeigen, dass die Aussage Herrn Kims stark Ideologie besetzt ist und dass Herr Kim Prof. Song ständig als Wasserträger Kim Il Sungs bzw. Kim Yong Ils darzustellen versucht.
Verteidiger 4: „Lehnen sie als Wissenschaftler die Übertragung des Ansatzes von Prof. Song auf die Verhältnisse in der RO Korea ab? Kim: „Nein.“ Kim hat seine Magisterarbeit zum Thema der Kritik dar Arbeiterpartei in der DPRK geschrieben. Verteidiger 4: „Können sie uns sagen, wie viele Mitglieder die Arbeiterpartei der DPRK hat und wie viele zum engeren Kreis derjenigen gehören, die die Politik in der DPRK bestimmen?“ Kim kann nur Schätzungen äußern.
Richter an die Verteidigung: „Sie weichen vom Thema ab.“
Verteidiger 4: „Woher kennen sie die immanent-kritische Methode? Diese Methode ist auch in Deutschland wenig bekannt. Wissen sie, wie diese Methode nach der Wende beurteilt wurde?“
Kim: „Nein.“
Prof. Song hat Gelegenheit den Zeugen zu befragen. „Wie können sie über meine Methode urteilen? Woher nehmen sie ihre Kenntnis, dass ich anti-amerikanisch eingestellt bin? Kennen sie den Inhalt meiner Vorlesungen?“ Kim: „Nein. Ich habe von den mir bekannten Titeln ihrer Arbeit darauf geschlossen.“
Prof. Song: „Sie sind etwa 40 Jahre alt. Sie sollten ein wenig mehr Bescheidenheit an den Tag legen.“
Richter: „Wie viele Bücher über diese Theorie haben sie gelesen?“ Kim: „Eins.“
Richter: „Haben sie je etwas über Prof. Songs Theorie veröffentlicht?“ Kim: „Nein.“
Richter: „Ist es jetzt nicht schwierig für sie dazu eine Aussage zu machen?“ Kim rechtfertigt sich mit dem Hinweis, er hätte im Wiedervereinigungsministerium gearbeitet und entsprechendes Wissen erworben.
Richter: „Es kann sein, dass mehrere Vertreter gegen Prof. Songs Theorie sind. Warum vertreten sie die Position der Staatsanwaltschaft?“ Kim: “Ich weiß nicht.“ (Gelächter im Publikum.)
Richter: „Ich habe Zweifel, dass sie der richtige Mann sind, um hier über diese Theorie Auskunft zu geben. Was schätzen sie, wie viel Prozent der Wissenschaftler sind gegen diesen Ansatz? Es scheint schwer zu schätzen, offensichtlich sind die Meinungen sehr geteilt. Ist ihre heutige Aussage nicht eher als ihr persönliches Statement zu werten?“ Kim versucht sich zu verteidigten. Richter: „Ist Prof. Songs Arbeit nicht eher als wissenschaftliche Arbeit einzustufen?“ Kim: „Das sehe ich nicht so.“ Die Befragung von Herrn Kim endet nach 2h 25min.
Die Befragung des Zeugen Lee Sam Yol, Chef der UNESCO Korea, der Anfang der 70iger Jahre in Göttingen Philosophie studierte, beginnt um 16:30 Uhr. Er berichtet, dass er Anfang der 70iger Jahre in Deutschland als Auslandsstudent an der Demokratiebewegung zur Abschaffung der Militärdiktatur in Korea teilgenommen hat. Dergleichen wäre auf Grund eines Gesetzes der Militärregierung damals in Korea mit mindestens 15 Jahren Freiheitsentzug geahndet worden. Herr Lee verliest ein Statement gegen die Militärdiktatur, das er und weitere 10 Koreaner 1973 in Deutschland veröffentlicht haben.
Verteidiger: „Alle Gruppen, die die Militärdiktatur kritisiert haben, werden von der Staatsanwaltschaft als Pro DPRK eingeschätzt. Lee: „Ja, so ist es.“ Herr Lee erzählt, dass er damals Prof. Song als Leiter dieser Gruppe (Statement Unterzeicher) ins Gespräch gebracht hat. Die Sache hatte einen einfachen Hintergrund. Man war auf der Suche nach einem Vorsitzenden, der in einigermaßen gesicherten finanziellen Verhältnissen in Deutschland lebte. Prof. Song hatte damals eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent, darum wurde er im September 1973 zu einem Treffen eingeladen. Ziel dieser Gruppe, die sich dann 1994 als „Mingeon“ (Komitee zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft) konstituierte, war die Unterstützung der Demokratiebewegung in der RO Korea. Es wird deutlich, dass Prof. Song also nicht zuerst als Pro DPRK Kandidat zu bezeichnen ist, sondern als Koreaner, der sich für die Demokratisierung der RO Korea engagiert. Finanziert hätte sich diese Gruppe aus Spenden von koreanischen Arbeitsmigranten in Deutschland, Stiftungen und der deutschen Kirche.
Die Staatsanwaltschaft lässt sich erklären, was unter einem wissenschaftlichen Assistenten in Deutschland zu verstehen ist.
Herr Lee erklärt Prof. Songs Interesse an Nordkorea wie folgt. Damals gab es mehrer Sozialismus Modelle, z.B. in China, der SU und Nordkorea. Nordkoreas Bruttosozialprodukt war höher als das der RO Korea. Das erzeugte das Interesse von Wissenschaftlern, wie Prof. Song, sich u.a. mit diesem Sozialismus Modell auseinander zu setzen. Zwangsläufig trat er der Arbeiterpartei der DPRK bei, das wäre die Bedingung der Nordkoreaner gewesen, um als Wissenschaftler in Nordkorea arbeiten zu können. Über Besuche der DPRK musste Anfang der 70iger Jahre auch in Deutschland geschwiegen werden. Das war eine Folge des Kalten Krieges mit seiner Konfrontation von West und Ost und natürlich betraf das alle Koreaner, die später in die RO Korea zurückkehren wollten. Darum musste Prof. Song seinen Besuch der DPRK im Jahr 1973 auch vor den Koreanern der Mingeon-Gruppe verheimlichen.
Der Richter fragt Herrn Lee bis wann Prof. Song Mitglied der Mingeon-Gruppe war und ob er z.B. bei der Demonstration 1975 in Frankfurt gegen die Militärdiktatur in Korea auch Plakate für die Demonstration hergestellt hat. Er erklärt, die Staatsanwaltschaft behauptet, das die Mingeon-Gruppe auf Befehl der DPRK, den Prof. Song bei seiner Reise in den Norden 1973 bekommen hätte, gegründet worden wäre. Es wäre auch von einer Finanzierung aus dem Norden die Rede. Herr Lee erklärt nachdrücklich: „Das ist unwahr und verletzt die Ehre der Mitglieder dieser Gruppe.“
Inzwischen ist es 17:35 Uhr. In die Reihe hinter mir hat sich ein älterer Herr auf einen frei gewordenen Platz gesetzt. Erst verstehe ich es gar nicht, aber dann höre ich ihn deutlich in unsere Richtung in Deutsch sagen: „Song, Schwein!“ Er benutzt noch weitere Kraftausdrücke auf Koreanisch. U.a. verstehe ich ein koreanisches Schimpfwort, das man wohl mit „Schweinehund“ übersetzen kann. Nach kurzer Zeit verschwindet er wieder.
Frau Yang Chung Ok wird ab 17:35 Uhr als Zeugin vernommen. Sie hat ebenfalls in den 70iger Jahren in Deutschland studiert und ist die Cousine von Kim Gil Sun, des Gründers des Koreanisch wissenschaftlichen Forschungsinstitutes, das 1982 in Deutschland gegründet wurde. Sie berichtet, dass Prof. Song dort öfter Vorträge gehalten hat. Die Staatsanwaltschaft versucht in ihrer Befragung Prof. Song als Agenten der DPRK hinzustellen. Sie behauptet, dass Prof. Song Oh Gil Nam 1984 dazu veranlasst hat in den Norden zu gehen. Frau Yang weist das vehement zurück und erwähnt einen anderen Koreaner, der Herrn Ok in die DPRK eingeladen hätte. Auf die Frage der Verteidigung, ob ihr bekannt wäre, dass Prof. Song Herrn Ok empfohlen hätte in die DPRK zu gehen, antwortet sie mit einem klaren „Nein.“
Die Staatsanwaltschaft versucht dann Frau Yang nachzuweisen, dass sie damals sehr wohl Informationen besaß, wer unter den in Deutschland lebenden Koreanern die DPRK besucht hatte. Dann behauptet die Staatsanwaltschaft, dass Kim Gil Sun das Koreanische wissenschaftliche Forschungsinstitut mit dem Ziel gegründet hätte, nordkoreanische Propaganda zu verbreiten. Frau Yang bestreitet das empört. Die Befragung endet um 18 Uhr.
Am Ende verhandeln der Richter, die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung die Frag, ob eine Wiederholung des Verhörs von Prof. Song für den Teil angebracht ist, der ohne Rechtsbeistand erfolgte. Soweit ich verstanden habe, befürwortet der Richter das Anliegen der Verteidigung, besonders im Blick auf die Sensibilität dieses Prozesses.
Der nächste Verhandlungstag ist für den 6. Januar 2004 anberaumt. Dann werden weitere Zeugen ihre Aussagen machen.
Jörg Baruth, Mitarbeiter des Evangelischen Missionswerkes in Südwestdeutschland in Korea
Seoul, den 31.12.2003