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Park Chung Hee
Der lange Schatten des Diktators

von Kang Mino


Am 26. Oktober 1979 wurde der südkoreanische Militärdiktator Park Chung Hee von seinem Geheimdienstchef  Kim Jae Gyu erschossen. Kim Jae Gyu hatte eine  Verabredung mit „seiner Exzellenz“ im berüchtigten „Anga“ im Jongro-Bezirk, der Altstadt Seouls, wo der Diktator bei Wein, Weib und Gesang zu tafeln pflegte. Bevor er das präsidiale Etablissement betrat, wies Kim Jae Gyu seine eigene Leibgarde an, die des Präsidenten auf der Stelle zu erschießen, wenn Schüsse von drinnen zu hören sein sollten. Wenig später fielen die Schüsse und mit ihnen Park Chung Hee.


Nach 26 Jahren ist jetzt am 3. Februar ein Film über die geschichtsträchtige Begebenheit in den Kinos angelaufen. „Die Menschen damals“ hat das Attentat auf den Diktator zum Inhalt, findet jedoch weder bei Kritikern noch Verteidigern Park Chung Hee`s ungeteilte Zustimmung. Die Kritiker sagen, der Film liesse  wichtige Aspekte des politisch brisanten Vorfalls ausser Acht; die Symphatisanten werfen dem Regisseur eine Verdrehung der Tatsachen und politischen Rufmord vor. Der Sohn des Diktators, Park Ji Man, hat ein gerichtliches Vorführverbot angestrengt. Das Gericht entschied, dass der Film gezeigt werden dürfe, es müssten jedoch die eingespielten Dokumentaraufnahmen von damals wieder herausgenommen werden. Andernfalls würde dem Zuschauer suggeriert, dass der gesamte Film historische Tatsachen vorführe.
Noch immer gibt es unveröffentlichte Dokumente, die zu einer weiteren Aufklärung der Geschehnisse von damals beitragen und mehr Licht in ein dunkles Kapitels der südkoreanischen Geschichte bringen könnten. Wer stutzt einem harmlosen Film die Flügel? Wirft Park Chung Hee noch immer seinen langen Schatten über die südkoreanische Halbinsel? Ist er tot und doch ganz in seinem Element? Ihn und seinen Schergen umgibt ein Mythos. Wer war Park Chung Hee?

Der Opportunist.
Park wurde 1917 als jüngstes von sieben Kindern einer armen Bauernfamilie in der Provinz Gyeongbuk geboren. Zu diesem Zeitpunkt war Korea bereits sieben Jahre Kolonie des japanischen Kaiserreiches. Als Park  mit 20 Jahren die Hochschule für Pädagogik in Daegu abschloss, um danach für drei Jahre an einer Grundschule zu unterrichten, hatte gerade der Asien-Pazifik-Krieg begonnen. Weil er arm u n d  ehrgeizig war, entschied er sich 1942, die Mandschu Singyeong Militärschule zu besuchen. Mit 25 Jahren war er dafür eigentlich schon zu alt, konnte aber offenbar damit überzeugen, dass er der Bewerbung einen mit Blut geschriebenen Schwur beifügte. „Mit absoluter Loyalität werde ich dem Land dienen, indem ich mich für es opfere!“ Zwei Jahre später wechselte er auf die Militärschule der Japanischen Armee und schloß als Jahrgangsbester ab. Es besteht kein Zweifel, wem er Treue und Loyalität geschworen hatte. Mit dem Eintritt in die Militärschule hatte Park seinen koreanischen Namen abgelegt und den japanisierten Namen Dakaki Masao angenommen. In der Rede als Vertreter des Abschlußjahrgangs machte er seine Gesinnung erneut deutlich: „Für ein Großostasien werde ich im heiligen Krieg mein Leben opfern und wie Sakura großartig sterben!“ Als er im Juli 1944 die Militärschule in allen Ehren verließ, hatte er seinen japanisierten koreanischen Namen durch einen rein japanischen Namen ersetzt – Okamoto Minoru – und seine Karriere als japanischer Soldat begann. Da Mandschu auch eines der zentralen Gebiete des koreanischen Widerstandes gegen die japanischen Kolonialherren war, beteiligte sich Park als Leutnant an der gewaltsamen Unterdrückung der dortigen Unabhängigkeitsbewegung. Nur ein Jahr später wurde er bereits zum Oberleutnant befördert.

Nach der Kapitulation Japans desertierte Park und schloss sich im September 1945 den koreanischen Restaurationstruppen in Peking an. Da jedoch die Rückkehr der Truppen durch die US-amerikanische Militärregierung (im südlichen Teil Koreas) unterbunden wurde, verliess Park die Truppen sogleich wieder, und kehrte über Busan auf die Halbinsel zurück. Dort angekommen trat er in die frisch gegründete Wachoffiziersschule Koreas ein. Doch nur zehn Tage später trat er wieder aus, um in die (kommunistische) Südkoreanische Arbeiterpartei einzutreten.( Sein älterer Bruder, der Mitglied eben dieser Partei war, war bei Kämpfen mit südkoreanischen Polizeieinheiten umgekommen.) Aber auch hier war er nur ein kurzer Gast. Nach zwei Jahren wurde er im Zusammenhang mit dem Yeosun-Vorfall festgenommen. Da er im Verhör alle Interna der Südkoreanischen Arbeiterpartei preisgab, kam er nach nur vier Monaten wieder auf freien Fuss. Mit Ausbruch des Koreakrieges 1950 war er Major, stieg zum Divisionär und 1959 zum Kommandanten auf.

Der Diktator
Als Park 1961 die korrupte Regierung Rhee Syng Mans durch einen Staatsstreich stürzte, war er bereits Zweisternegeneral. Am 16. Mai 1961 beginnt die zweite Periode Park Chung Hees – seine diktatorische Herrschaft eiserner Hand. Park-Anhänger würden formulieren: General Park führte die Militärrevolution gegen das korrupte Regime an und es brach die Ära des Wachstums und Wohlstandes an. Sogar bei sogenannten Progressiven  erhält Park Anerkennung für seine „Wirtschaftsleistung“, die nicht von der Hand zu weisen seien. Es ist richtig, dass das Prokopfeinkommen zwischen 1961 und 1979 um das Zwanzigfache stieg, die Exporte von 40 Millionen auf 15 Billionen zunahmen und das jährliche Durchschnittswirtschaftswachstum bei 9,3% lag. Man muss anerkennen, dass Park Chung Hee die korrupten Amerika-opportunistischen Kraefte des Rhee-Syng-Man-Regimes abgelöst, die Autobahn gebaut, die Normalisierungsverträge mit Japan angestrengt, die Neue-Dörfer-Bewegung ins Leben gerufen, durch die Unterstützung der US-Truppen in Vietnam Devisen ins Land geholt und mit der selbstlosen Unterstützung der Großkonzerne (Jaebeol) die Wirtschaft angekurbelt hat – kurzum: die Lebensverhältnisse der südkoreanischen Bevölkerung immens gehoben hat.

Aber stammten die sozialistischen und kommunistischen Systemen gleichenden Fünfjahrespläne nicht noch aus der Feder der Wirtschaftsexperten unter Rhee Syng Man, war nicht die Mehrheit der Bevölkerung und der Politiker gegen die Autobahn (die mit Devisen aus dem Vietnamkrieg gebaut wurde), haben sich die Normalisierungsverträge nicht als erniedrigend für Südkorea erwiesen, sind nicht überstürzt Traditionen aufgegeben worden? Südkoreanische Soldaten haben Tausende Vietnamesen getötet, an die 5000 der insgesamt 32 000 in Vietnam kämpfenden Soldaten sind umgekommen, Tausende leiden noch heute unter den Folgen von agent orange.
Der Preis für das „Wunder vom Han-Fluss“ war die Diktatur Park Chung Hees.
Er putschte sich an die Macht geputscht und hat sich mit eben solchen  Mitteln an der Macht gehalten. Es gipfelte in der Yushin-Verfassung von 1972, die auch die letzten Freiräume schloss. Ironischer Weise war es der Anfang vom Ende. Er legte  seine Uniform ab, äusserlich- und  ließ sich von einem Wahlmännergremium wählen, das ihm ergeben war. Nachdem Park Chung Hee 18 Jahre selbstloser Opportunist gewesen war, wurde er mit seinem Putsch zum cäsarischen Diktator. Warum er offiziell gleichzeitig als Präsident und Militärrevolutionär beschrieben wird, nicht als Diktator gebrandmarkt, und warum sein Bild in der präsidialen Ahnengalerie des Blauen Hauses hängt, bleibt ein Rätsel.


Der Nachmacher
Nicht nur die Fünfjahrespläne übernahm  Park von seinem Vorgänger. Das Nationale Sicherheitsgesetz, 1948  zusammen mit dem Antikommunsimusgesetz eingefuehrt hilft ihm, jegliche Regimekritiker mundtot zu machen. Noch heute kann man auf öffentlichen Plätzen, an Stränden und in der U-Bahn Schilder und Aufkleber finden, die die Bevölkerung zur Denunziation von Spionen und Linken aufrufen. Wer nicht auf Parteilinie war, kam in die Katakomben des KCIA und da nicht ungeschoren wieder heraus. Hier wenden jedoch immer wieder Stimmen ein, dass Park im Vergleich zu anderen Diktatoren wie etwa in Südamerika sehr viel „sanfter“ gewesen sei. Es ist richtig, dass unter Park weniger Oppositionelle gefoltert oder ermordet worden sind. Aber das war auch kein Wunder. Denn die meisten potenziellen Kritiker waren schon vorher entweder in den Norden geflüchtet oder vom Vorgängerregime liquidiert worden – wie z.B. auch der Bruder Park Chung Hees. Die 1946 unter der US-amerikanischen Militaerregierung eingefuehrte Ausgangssperre wurde auch unter Park beibehalten. Erst nach dem Gwangjuaufstand (18. Mai 1980) geriet die Militärdiktatur unter Chun Doo Hwan zunehmendd unter Druck und schaffte die Ausgangssperre im Januar 1982 ab.

Aber Park führte auch Neuerungen ein. Im Gegensatz zum Vorgängerregime, das mit Rhee Syng Man einen blaublütigen Führer hatte, wollte der Bauernsohn Park sich und das Volk aus dem Elend der Armut herausführen. Und dazu mußten erst einmal unnötige Esser wegfallen. Insbesondere in ländlichen Gebieten wurden die Frauen über das Schwangerwerden und wie man es verhindern kann aufgeklärt – von Frauen. Die Familienplanerinnen verbrachten den ganze Tage damit, Familien zu besuchen und den „Bestand“ festzustellen, während sie an den Abenden die Frauen des Dorfes versammelten, um sie in Verhütungsmethoden einzuweisen. Vielerorts wurden Männer und Frauen kurzerhand sterilisiert. Frauen wurden dazu gedrängt, noch weitgehend ungetestete Verhütungsmittel aus dem Westen einzunehmen. Nebenwirkungen, über die die Frauen klagten, wurden mit mangelndem Willen zur Verhütung – psychologisch – begründet. Auf der anderen Seite wurde die offiziell verbotene Prostitution gefördert – hochoffiziell – ja sogar nach Japan exportiert!

Vergessen?
Ist Park Chung Hee  ein spukender Geist aus dem Jenseits, oder ist es das Diesseits, das ihn nicht dorthin entlassen kann? Eine Verarbeitung der Geschichte hat bisher nicht stattgefunden, wenn auch zarte Versuche stattfinden. Die demokratischen Kräfte hatten ihn vergessen, weil seine Nachfolger ihm in nichts nachstanden und sie weiterhin in Atem hielten. Seine Tochter, Park Geun Hye, bittet heute offiziell darum, zu vergessen, dass sie Park Chung Hees Fleisch und Blut sei; ein Kalkül der Parteivorsitzenden der erzkonservativen Oppositionspartei (Hannara-Partei), sich von der dunklen Vergangenheit ihres Vaters und  ihrer Partei freizumachen. Die verschiedenen Gesetze, die die heutige Regierungspartei (Uri-Partei) versucht, ins Parlament einzubringen, haben schon im Vorfeld fuer so viel Aufregung gesorgt, dass ganze Monate lang das Parlament gelaehmt war. Nach 35 Jahren Kolonie, 3 Jahren heissem und knapp 40 Jahren Kaltem Krieg und Diktatur ist eine Geschichtsaufarbeitung nich von heute auf morgen moeglich; insbesondere wenn konservativ-reaktionaere Kraefte sich mit aller Kraft dagegen stemmen. Aber, dass eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Voraussetzung fuer eine hoffnungsvolle Zukunft ist, duerfte auch in Korea unumstritten sein. „Vergessen ist toedlich!“

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Stand: März 2007 © Koreaverband e.V. im Asienhaus, Rostocker Str. 33, D-10553 Berlin