Eric Ballbach & Heiko Herold
"Wohin Steuert Nordkorea?"
- Bericht eines Symposiums
"Wohin steuert Nordkorea? Soziale Verhältnisse, Entwicklungstendenzen und Perspektiven". Zu diesem Thema veranstaltete der Korea-Verband e.V. am 25. Juni dieses Jahres ein Internationales Symposium in Berlin, das mit etwa 160 Teilnehmehmenden auf großen Zuspruch traf.
Nach einer kurzen Begrüßung der Teilnehmenden durch den Vorsitzenden des Korea-Verbandes, Rhee Jong Hyoun, eröffnete Prof. Dr. Song Du-Yul, Universität Münster, das Symposium mit einem Vortrag über „Nordkoreas Wirtschaftslage und die sozio-politischen Folgen“. Er analysierte die vielschichtigen Gründe für die prekäre wirtschaftliche Lage Nordkoreas und zeigte Lösungsstrategien für die derzeitige Misere auf. Gleichzeitig machte er Chancen und Grenzen von Reformen deutlich.
Nach einer regen Diskussion schilderte Frau Käthi Zellweger die Erfahrungen humanitärer Hilfsorganisationen mit den Menschen in Nordkorea. Nachdem sie die vielseitigen humanitären Bedürfnisse des Landes dargelegt hatte, zeigte die Direktorin für internationale Zusammenarbeit der Caritas Hong Kong, deren Zuständigkeitsbereich auch Nordkorea umfasst, die Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der humanitären Nordkoreahilfe auf. Sie trat bestimmt dafür ein, dass Nordkorea „in humanitärer Hinsicht nicht anders behandelt werden darf als andere Staaten“. „Menschen, die hungern“, fuhr sie fort, „haben ein Recht auf Hilfe. Unser Engagement kann zu neuen, zukunftsorientierten Entwicklungen beitragen“. Zellweger schloss ihren Beitrag mit der Vorführung eines kurzen Films über die schwierige Lage der Menschen und die komplizierte aber notwendige Arbeit der Hilfsorganisationen in Nordkorea.
Die Bemühungen einen Wissenschaftler aus Nordkorea einzuladen, scheiterten an der Abriegelung des Landes aufgrund der SARS-Epidemie in Asien. Vom Pjönjanger Institut für die Wiedervereinigung des Vaterlandes wurde aber speziell für das Symposium ein Text verfasst und eingereicht. Dieser Text, betitelt mit „Berechtigung der DVRK zum Besitz militärischer Abschreckungskraft“, wurde von Shin Hyo-Eun vorgetragen, die diesen Text gemeinsam mit Yi Hee-Young ins Deutsche übersetzt hatte. Kernaussage war die Erklärung Nordkoreas, das eigene militärische Potential diene nicht als Mittel zum Krieg, sondern als Abschreckung zur Verhinderung eines Krieges mit dem Ziel, den Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu wahren und dadurch das koreanische Volk zu schützen. Außerdem sei der Besitz militärischer Abschreckungskraft - es wird nicht von Atomwaffen gesprochen - die Entscheidung des Volkes, welches damit die eigene Sicherheit „als das größte Interesse des gesamten koreanischen Volkes“ verfolge. Die militärische Abschreckungskraft resultiere einzig aus der Bedrohung der DVRK durch die USA.
Auf diese Bedrohung ging auch Prof. Bruce Cumings, Ph.D. (Chicago University) als nächster Referent ein. Nach bisherigen Untersuchungen sei es derzeit wenig wahrscheinlich, dass Nordkorea Atomwaffen besäße, aber in der Tat fühle sich Nordkorea durch die USA immens bedroht. Er kritisierte die Unberechenbarkeit der amerikanischen Nordkorea-Politik, welche die Krise gefährlicher mache als je zuvor, da so die Gefahr groß sei, dass auch „kleine Krisen“ eskalieren könnten. Die DVRK hingegen, so Cumings, lege die gleichen Verhaltensweisen wie schon bei Clinton an den Tag. Er lobte das zuvor vorgetragene nordkoreanische Papier als ausgewogener und vernünftiger als alles, was bisher von Seiten der Bush-Regierung im aktuellen Konflikt verlautbart worden sei. Viele Regierungsmitglieder seien nur schlecht über die Lage auf der koreanischen Halbinsel informiert. Donald Rumsfeld etwa, so führte er aus, habe sich bei seinem Amtsantritt verwundert geäußert, dass in Südkorea noch immer 37.000 US-Soldaten stationiert seien.
Anschließend stellten Professor Paik Young-Chul (Konkuk University, Seoul) und sein Co-Referent Professor Park Myung-Lim (Yonsei Universität, Seoul) einen „Drei-Stufen-Plan“ zur Verwirklichung des Friedensprozesses auf der koreanischen Halbinsel vor. Zunächst sei es unabdingbar, eine „Basis für den Frieden“ zu schaffen, welche über multilaterale Verhandlungen hervorgebracht werden könne. In der zweiten Phase würden dann sowohl Frieden als auch Kooperation durch gegenseitige vertrauensbildende Maßnahmen vertieft, bis schließlich ein permanentes Friedensregime auf der Halbinsel „geschaffen“ werden könne.
Der Kölner Publizist Dr. Rainer Werning wies als letzter Referent des Tages in seinem Vortrag auf die sich verlagernden südkoreanischen Bedrohungsängste hin. So seien es nicht mehr die DVRK, sondern in erster Linie die USA, von denen man sich bedroht fühle. Gründe hierfür seien nicht zuletzt der ungeklärte Status des S.O.F.A.-Abkommens, welches die amerikanische Truppenpräsenz in Südkorea regelt, und die unsägliche Rolle der Amerikaner im Rahmen des Kwangju-Aufstandes 1980. „Es ist“, so Werning, „nicht die Frage wohin Nordkorea, sondern wohin Amerika unter dieser Regierung steuert.“
Nach einer 90minütigen Paneldiskussion unter der Leitung von Dr. Werning, die mit großer Beteiligung des Publikums stattfand, begeisterte die Chondung Sori, eine koreanische Percussion-Gruppe mit traditionellen koreanischen Trommeln das Publikum, welches das Tagungsprogramm musikalisch abrundete.
„Ich freue mich sehr“, resümierte Rhee Jong Hyoun. „Das Symposium war ein voller Erfolg!“ Schon während der Mittagspause und dann im Anschluss an die Konferenz war sowohl von Seiten der Teilnehmer als auch der Referenten und Organisatoren die Zufriedenheit über den Verlauf deutlich zu spüren. Im Gespräch betonten viele Teilnehmer, dass ihnen besonders die sachliche, informative und ausgewogene Auseinandersetzung mit der schwierigen Thematik gefallen habe.
Diese Veranstaltung wurde durch den Zuschuss vom bischöflichen Hilfswerk Misereor, der Stiftung Umverteilen, dem Evangelischen Entwicklungsdienst und dem Internationalen Katholischen Missionswerk missio finanziert.
Eric Ballbach studiert Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Ostasien, Soziologie und Ethnologie an der Universität Trier. Heiko Herold studiert Neuere und Neuste Geschichte, Wirtschaftsgeschichte und Medienwissenschaften an der Universität Düsseldorf. Beide wirkten als Praktikanten des Korea-Verbandes an der Organisation des Symposiums mit.