Neues Deutschland, 27. Juni 2003
Was weiß Donald Rumsfeld von Korea?
Debatte über Gerüchte, Tatsachen und Tendenzen
Von Anne-Katrein Becker
Ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des opferreichen Korea-Krieges, der am 25. Juni 1950 ausbrach, ist die koreanische Halbinsel immer noch ein Spannungsherd. Am Mittwoch widmete sich ein internationales Symposium in Berlin der Frage, wohin Nordkorea – die KDVR – steuert.
Rund 130 Wissenschaftler, Politiker und Korea-Interessierte unterschiedlicher Profession waren der Einladung des Korea-Verbandes gefolgt, um über soziale Verhältnisse, Entwicklungstendenzen und Perspektiven der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik zu debattieren. Leider fehlten Vertreter aus der KDVR. Wegen der SARS-Gefahr sei gegenwärtig keine Ausreise erlaubt, hieß es.
Angesichts der Gerüchte über den Atomwaffenbesitz oder -nichtbesitz der KDVR verdiente jedoch ein Artikel besondere Aufmerksamkeit, den ein Wissenschaftlerteam vom Pjongjanger Institut für die Wiedervereinigung des Landes zur Atomfrage geschickt hatte. Darin ist nicht vom »Atomwaffenbesitz« Nordkoreas die Rede, sondern von »militärischer Abschreckungskraft«. Da die USA auch die KDVR zur »Achse des Bösen« zählen und ihre militärischen Aktionen gegen diese »Achse« mit dem Angriff auf Irak eingeleitet haben, sehe sich nun auch Pjongjang im Visier. Um seine Bevölkerung zu schützen und zu verteidigen betrachte Nordkorea seine militärische Fähigkeit nicht als Mittel zum Krieg sondern als Abschreckungskraft zur Verhinderung eines Krieges. Die KDVR betont ausdrücklich, dass diese militärische Abschreckungskraft nicht dazu diene, andere anzugreifen. »Unabhängig davon, ob Nordkorea Atomwaffen besitzt oder nicht, werden die USA versuchen, das nordkoreanische System zu zerbrechen«, heißt es in dem Papier.
Eben darauf ging auch der US-amerikanische Wissenschaftler Bruce Cumings von der Chicago-Universität ein. Er warf den Medien vor, nicht mehr gründlich genug zu recherchieren, denn bislang gebe es keine Beweise dafür, dass Vertreter Nordkoreas den Besitz von Atomwaffen verkündet hätten. Eine Nachricht gelange in die Presse, und die anderen Medien schrieben einfach ab, meint Cumings. Nach bisherigen Untersuchungen sei es derzeit wenig wahrscheinlich, dass Pjongjang Atomwaffen besitzt, aber tatsächlich sei Nordkorea durch die USA bedroht. Washingtons Politik ist in Cumings Augen überdies wesentlich weniger berechenbar als die der KDVR. Im Übrigen herrsche auch in höchsten Kreisen der USA sehr großes Unwissen über die Situation in Korea. So soll sich Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nach seiner Amtsübernahme erstaunt darüber gezeigt haben, dass in Südkorea USA-Soldaten stationiert sind. (Derzeit sind es 37000 Mann).
Auch die wirtschaftliche Situation Nordkoreas, vor allem die nach wie vor akute Lebensmittelknappheit, stand zur Debatte. Im vergangenen Jahr wurde mit Wirtschaftsreformen begonnen, die eine neue Preispolitik, neue Verteilungsformen im Agrarsektor und die Ausweitung von Bauernmärkten vorsehen. Allerdings ist die neue Preispolitik bereits mit dem Problem der Inflation konfrontiert, weil das Angebot aufgrund der Warenknappheit die Nachfrage nicht decken kann. Ein besonderes Hindernis sind die Wirtschaftssanktionen der USA gegen die KDVR, die praktisch seit dem Ende des Korea-Krieges praktiziert worden sind, wie Prof. Song Du-Yul von der Universität Münster erläuterte. Der in Deutschland lebende Philosoph organisiert übrigens seit Jahren Treffen nord- und südkoreanischer Wissenschaftler in Peking.
Nach wie vor ist das Land auf internationale humanitäre Hilfe angewiesen, über die Käthi Zellweger, Direktorin von Caritas Hongkong, anschaulich informierte. Obwohl sich die Situation seit dem Höhepunkt der Hungerkrise (1995-97) verbessert hat, sind die Auswirkungen mehrjähriger chronischer Mangelernährung überall sichtbar. Ein Vergleich zwischen einem 7-jährigen Jungen aus dem Süden und einem Gleichaltrigen aus dem Norden kann das deutlich machen: Der Junge in Südkorea ist 1,25 Meter groß und wiegt 26 Kilogramm, sein Bruder im Norden ist 20 Zentimeter kleiner und 10 Kilogramm leichter. Hilfe in vielfältigster Form ist also weiterhin erforderlich. Frau Zellweger zeigte sich überzeugt davon, dass der Großteil der Hilfe den richtigen Leuten zugute komme.
Wohin Nordkorea steuert – diese Frage konnte natürlich an diesem Tage nicht beantwortet werden, aber es wurden Denkanstöße gegeben, wie eine friedliche Lösung der Probleme zwischen Nordkorea und den USA, zwischen Nord- und Südkorea zu erreichen wäre. Einig waren sich die Teilnehmer darin, dass direkte Gespräche ohne Vorbedingungen die günstigste Variante dafür sind.