Frankfurter Rundschau
HINTERGRUND
Zwischen den Koreas
Von Karl Grobe
Seit drei Wochen wird der aus Südkorea stammende Münsteraner Soziologie-Professor Song Du-yul in seiner Heimat von Geheimpolizei und Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf verbotene Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Nordkorea verhört. Er selbst sieht sich als "Spielball innenpolitischer Machtkämpfe" in Seoul. Die Behörden haben ihm die Ausreise vorerst untersagt.
Song, der seit zehn Jahren deutscher Staatsbürger ist, durfte am 22. Dezember vergangenen Jahres erstmals nach mehr als 30 Jahren wieder in seine Heimat reisen. Seit 1973 hatte er öffentlich die damalige Militärdiktatur in Seoul kritisiert und war daraufhin mit einem Einreiseverbot belegt worden.
Nach Informationen der südkoreanischen Tagespresse, die sich ausschließlich auf Angaben des Sicherheitsdienstes NIS und seiner Vorgängerorganisation KCIA stützt, besuchte Song in den vergangenen Jahren 18 Mal das kommunistische Regime in Nordkorea. Solche Reisen - wie überhaupt "ungenehmigte Kontakte" mit Nordkorea - sind unter dem fast 40 Jahre alten Sicherheitsgesetz strafbar.
Unmittelbar nach seiner Ankunft in Seoul musste Song zur Befragung zum Geheimdienst. Bei den ersten viertägigen Verhören war weder ein Anwalt noch ein Vertreter der deutschen Botschaft zugegen. Sie wurden mit "menschenrechtsverletzenden Methoden" geführt, wie Song später der dpa sagte. An einem Empfang bei Staatspräsident Roh Moo Hyun für 30 erstmals wieder einreisende Dissidenten konnte er nicht teilnehmen.
Der Vorwurf gegen Song: Er sei 1973 in die nordkoreanische Kommunistische Partei eingetreten. Song erläuterte, dies sei die Voraussetzung für die Einreise gewesen. NIS und KCIA warfen ihm zunächst auch vor, dem Politbüro unter dem falschen Namen Kim Chol Su angehört zu haben. Dieser Name taucht jedoch nicht in den Politbüro-Listen auf, die NIS im Internet verbreitet. Die offensichtlich von der oppositionellen Rechtspartei Hannara inspirierten Kommentare der konservativen Zeitungen rücken inzwischen aber von der Behauptung ab, Song sei die Nummer 23 in der Hierarchie von Pjöngjang.
Song Du-yul wird von der Demokratiebewegung in Südkorea als Mentor und als Wegbereiter einer Aussöhnung zwischen beiden Koreas hoch geschätzt. Demokratisierung und Annäherung ("Sonnenscheinpolitik") waren tragende Elemente der Politik von Staatspräsident Kim Dae Jung. Dieser war Anfang 1998 als erster Oppositionsführer in der Geschichte Südkoreas zum Staatschef gewählt worden. Sein Nachfolger Roh stützt sich ebenfalls auf die Reformkräfte, die Kim gewählt hatten, kann sich im Parlament aber nicht auf eine Mehrheit stützen. In Seoul meinen Anhänger Kims und Rohs, die Kampagne gegen den deutschen Professor sei eigentlich gegen die demokratische Linke in Südkorea insgesamt gerichtet.
Die jüngste Wende der Auseinandersetzung scheint diese Version zu bestätigen. Kommentatoren in konservativen Blättern wie Chosun Ilbo und Korea Times (Hankook-Gruppe) fordern eine Untersuchung über eine Unterwanderung der Regierung durch Agenten Nordkoreas. Ähnliche Angriffe richten sich auf den öffentlich-rechtlichen Fernsehsender KBS, der im Sommer mehrmals mit deutlichem Wohlwollen über Song berichtet hatte. Die Hannara-Partei habe den Machtverlust nicht verkraftet, heißt es in Seoul.
Das umstrittene Sicherheitsgesetz, das ursprünglich selbst den Empfang nordkoreanischer Rundfunksendungen unter Strafe stellte, wird von der Rechtspresse nicht thematisiert. Unter diesem Gesetz droht Song eine langjährige Haftstrafe, obwohl er deutscher Staatsbürger ist. Kommentatoren verlangen auf diesem Hintergrund die Ausweisung Songs nach Deutschland, bevor offiziell ein Verfahren eröffnet wird. Andernfalls könnten die Beziehungen zwischen Berlin und Seoul schweren Schaden nehmen.
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2003
Erscheinungsdatum 13.10.2003