Gedächtnisprotokoll zur Verhandlung im Prozess von Prof. Song Du Yul
Am 3.Verhandlungstag, 23.12.2003, begann der Prozess um 15:30 Uhr und dauert bis 17:30 Uhr. Der Richter erinnert an die Vorkommnisse der beiden ersten Verhandlungen und bittet darum sowohl Beifallsbezeugungen als auch verbale Unmutsbezeugungen zu unterlassen. Um 17:35 Uhr betritt Prof. Song den Verhandlungsraum. Es herrscht Stille. Ansonsten das gewohnte bild, links die 3 Herren der Staatsanwaltschaft, rechts 5 Verteidiger, 2 kommen etwas später. Ein Verteidiger setzt sich neben Prof. Song und bleibt dort während der gesamten Verhandlung sitzen.
Staatsanwalt 1
Er beginnt mit Fragen zum erfahrungsorientierten Arbeitsansatz von Prof. Song. Z.B. möchte er erklärt haben, was unter dem Gegenteil dieses Ansatzes zu verstehen ist. Er stellt in Frage, ob die Methode der Immanenten Kritik überhaupt auf die Situation in der DPRK anwendbar ist. Dann will er von Prof. Song eine Erklärung der Juche Ideologie. Prof. Song antwortet und meint, dass er wenigstens weitere 6 Monate in der DPRK die Situation studieren müsste um sie mit Hilfe seines Ansatzes beschreiben zu können.
Der Staatsanwalt verweist auf die Aussage einer Journalistin, die behauptet hat, dass Prof. Song mit seiner Theorie die Zustände in der DPRK in keiner Weise kritisiert hätte. Prof. Song erwidert, er wüsste nicht, auf wen sich diese Aussage bezieht, sie wäre aber falsch.
Der Staatsanwalt bleibt bei seiner Frage: "Warum haben sie nicht oder nur sehr zurückhaltend das System in der DPRK kritisiert?" Prof. Song: "Das ist nicht wahr. Ich habe Kritik geübt."
Staatsanwalt: "Mit dieser Methode arbeiten sie für die DPRK."
Prof. Song: "Das ist nicht wahr."
Staatsanwalt: "Ihr Ansatz ist auch in Deutschland nicht verbreitet. Außer Ihnen gibt es nur wenige, die mit dieser Methode arbeiten."
Prof. Song: "Das ist richtig."
Staatsanwalt: "Wie verstehen sie die Ideologie in der DPRK?"
Prof. Song: " Sie ist Führer orientiert..."
Staatsanwalt: "Wissen sie, das in der DPRK gehungert wird und dass es politische Gefangene gibt?"
Prof. Song: "Ich weiß das aus Zeitungsberichten."
Staatsanwalt: "Mit ihrer Kritik am System dienen sie dem Norden. Haben sie jemals etwas für die Demokratisierung im Norden getan? Haben sie je in ihren Büchern den Norden kritisiert?"
In diesem Stil geht es weiter, im Grunde versucht der Staatsanwalt Prof. Song als Wasserträger der DPRK darzustellen. Prof. Song wendet sich an den Richter und erklärt, dass er sich zu diesen Fragen im Laufe der Verhöre mehrmals ausführlich geäußert hat.
Der Richter wendet sich an den Staatsanwalt und bittet ihn auf weitere solcher Fragen zu verzichten.
Staatsanwalt: "Wenn sie ein Demokrat sind, warum kritisieren sie nicht die Militärdiktatur im Norden?" Prof. Song wendet sich noch einmal an den Richter und erklärt, er habe auf derartige Fragen schon seit Wochen wiederholt geantwortet. Der Richter erlaubt Prof. Song die Aussage zu verweigern.
Ab jetzt ist nur noch die aufdringlich laute, und gereizt wirkende Stimme des Staatsanwaltes zu hören, der auf die Rolle des Vorlesers von Fragen reduziert ist. Prof. Song schweigt und beantwortet keine der folgenden Fragen.
Der Staatsanwalt zitiert jetzt aus den Büchern Prof. Songs immer mit der Fragerichtung bzw. Unterstellung: Haben sie damit nicht der DPRK gedient? Er unterstellt Prof. Song mit seinen Büchern die Juche Ideologie zu unterstützen. Er zitiert aus Zeitungsartikeln aus den 70iger Jahren und wirft Prof. Song vor Kritik an den damaligen Zuständen in Südkorea geübt und damit den Interessen der DPRK gedient zu haben.
Staatsanwalt 2 16:15 Uhr
Er wechselt das Thema.
Weshalb sind sie in die Partei eingetreten?
Warum haben sie niemandem außer ihrer Frau davon erzählt?
Die DPRK tastet sich langsam und gezielt an ihre zukünftigen Spione heran. Ist das nicht in ihrem Fall so gewesen?
Nach 17 min unterbricht der Richter den Staatsanwalt und wendet sich mit der Frage an Prof. Song., ob es nicht besser für ihn wäre, wenigsten die auf die Bestätigung historischer Fakten abzielenden Fragen, zu beantworten. Prof. Song erwidert, dass er diese Fragen schon zig Mal beantwortet hat und es sinnlos wäre erneut zu antworten.
Staatsanwalt: Die DPRK bezahlte ihre Flüge. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass sie bereits für die DPRK gearbeitet haben?
Die DPRK gab jährlich 20000$ für das von ihnen gegründete Institut. Ist das nicht Geld für ihre Pro DPRK Propaganda gewesen?
Sie sind in der nordkoreanischen Rodong Shinmun auf einem Foto mit Kim Jong Il zu sehen. Zeigt das nicht ihre Nähe zum System dort?
Es geht in diesem Stil weiter. Um 16:35 Uhr übernimmt Staatsanwalt 3 das Verlesen der Anklage.
Er beruft sich auf die 6 Symposien, zitiert Redebeiträge Prof. Songs immer mit der suggestiven Fragestellung: Haben sie damit nicht der DPRK in die Hände gearbeitet?
Knapp 10 Minuten später übernimmt wieder Anwalt 2 das Wort. Er zitiert aus Aussagen von Kim Kyong Pil. Das Ziel bleibt gleich. Prof. Song soll als Spion des Nordens überführt werden.
Um 16:50 Uhr unterbricht die Verteidigung die Verhandlung mit der Feststellung, dass die Staatsanwaltschaft nichts weiter macht als schon zig mal gestellte Fragen erneut zu stellen, dazu Vermutungen zu formulieren und im Grunde nur die Verhandlung in die Länge zu ziehen.
Die Staatsanwaltschaft fährt fort. Südkorea hat ihnen die Einreise verweigert, die DPRK hat sie herzlich empfangen. Wie können sie da behaupten neutral zu sein, ein Grenzgänger zu sein? Sind sie nicht doch eher auf der Seite des Nordens?
Staatsanwalt 2 16:55 Uhr
Hwang Chang Yop (in den Süden geflüchteter Top Politiker aus der DPRK) hat sie als Spion der DPRK bezeichnet. Warum sollte er das sagen, wenn es nicht wahr ist?
Sie sind angeblich 6 Mal in der DPRK gewesen, aber uns liegen Beweise für weitere Besuche vor. Warum haben sie ihre Besuche in der DPRK vor 1991 verschwiegen? Haben sie nicht den Namen Kim Chol Su als Decknamen für ihre Spionagetätigkeit gebraucht?....
Im Grunde geht des die ganze Zeit um den Versuch, Prof. Song als bezahlten Spion der DPRK hinzustellen, der die Wissenschaft als Tarnmantel benutzt, um für den Norden und damit zwangsläufig gegen den Süden zu arbeiten.
17:05 Uhr
Die Verteidigung fragt Prof. Song, ob unter den heute an ihn gerichteten Fragen überhaupt eine einzige gewesen ist, die neu für ihn war. Ist der Grund für die Verweigerung ihrer Aussage darin zu sehen, dass ihre bisherigen Aussagen immer missverstanden, sinnentstellt und uminterpretiert wurden?
Richter an die Verteidigung: Es gab bei der letzen Verhandlung Auseinandersetzungen bezüglich der Anrede für Herrn Song. Die Staatsanwaltschaft hatte gefordert, ihn mit "Angeklagter" anzureden. Das Votum geht in die Richtung es bei der Anrede zu lassen, um zu vermeiden, dass das zu weiteren Spannungen während der Verhandlung führt.
Verteidiger: "Die Staatsanwaltschaft bemängelt, dass sie nie die DPRK kritisiert hätten. Kennen sie eigentlich unter den Staatsanwälten Personen, die jemals die DPRK kritisiert haben? (Die Bemerkung wird vom Publikum, das übrigens zahlenmäßig weniger als am 2. Verhandlungstag erschienen ist, mit Gelächter quittiert.)
Danach reicht die Staatsanwaltschaft Beweismaterial ein, u.a. ein Buch von Prof. Song, in dem Passagen angestrichen sind, die die Pro DPRK Haltung Prof. Songs belegen sollen.
Auch ein Video wird eingereicht.
Der Richter bietet der Verteidigung an sich diese Video anzusehen, um auszuschließen, dass die Aufnahme manipuliert ist.
Danach fragt er die Verteidigung, ob der Teil in dem Prof. Song ohne Rechtsbeistand verhört wurde noch einmal zum Gegenstand der Verhandlung gemacht werden soll. Die Verteidigung bejaht.
Die Staatsanwaltschaft behauptet, dass Prof. Song ein politischer Agent der DPRK ist. Die Verteidigung beantragt beim Ministerium für Wiedervereinigung und durch direkte Anfrage in der DPRK Erkundungen einzuholen, die diesen Vorwurf widerlegen oder bestätigen.
Die Staatsanwaltschaft meint, dass das nicht möglich ist.
Richter: Darüber wird bei der nächsten Verhandlung entschieden.
Jörg Baruth
Seoul, den 23.12.2003