Spionagevorwurf gegen Song Du-Yul in Südkorea

Bericht zum 5. Verhandlungstag im Prozess von Prof. Song (06.01.04)

Bericht zum 5. Verhandlungstag im Prozess von Prof. Song Du Yul
In der 24. Strafkammer des Seouler Landesgerichts

Im Prozessraum sind alle der vorhandenen 108 Plätze besetzt, ca. weitere 30 Personen stehen an den Seiten des Raumes. Um 14:05 Uhr nimmt der Richter die Personalien der Zeugen auf. Nach deren Vereidigung wird als erster Zeuge Herr Yu Yeong Gu vernommen. Er hat bei der Zeitung Chung Ang Ilbo als Journalist gearbeitet und ist Nordkoreaexperte. Mehrere Jahre hat er Radiosendungen der DPRK analysiert. Soweit ich verstanden habe, hat er vor 2 Jahren sein Arbeitsverhältnis bei der Chung Ang Ilbo beendet.

Herr Yu hat Prof. Song 1994 in Berlin getroffen. Der Verteidiger nennt Prof. Song mehrmals beim Namen, statt die geforderte Anrede „Angeklagter“ zu benutzen. Der Richter moniert das in der heutigen Verhandlung nicht. Der Verteidiger fragt den Zeugen, wie viele Mitglieder es einer Kenntnis nach in der politischen Abteilung der DPRK (wahrscheinlich ist der engere Kreis des Politbüros gemeint) gibt. Ca. 25, meint Herr Yu. Der Zeuge der Staatsanwaltschaft meinte letzte Woche, es wären ca. 60 Personen. Herr Yu bekräftigt seine Aussage noch einmal.
Verteidiger: „Haben sie je davon gehört, dass ein Ausländer zu diesem engeren Kreis des Politbüros gehört?“
Zeuge: „Nein, das ist mir nicht bekannt.“
Verteidiger: „Gibt es geheime Mitglieder in diesem Gremium?“
Zeuge: „Soweit ich weiß, nicht.“
Verteidiger: „Kim Chol Su stand auf der Liste der Gäste (Platz 23) zur Beerdigung vom Kim Il Sun zwischen den Mitgliedern dieses Gremiums und den übrigen Gästen. Die Staatsanwaltschaft schlussfolgert daraus das Kim Chol Su Mitglied dieses Gremiums bzw. ein Funktionär der Arbeiterpartei ist. Teilen sie diese Sicht?“
Zeuge: „Das lässt sich so nicht behaupten. Diese Interpretation ist schwierig.“
Verteidiger: „Welche Motive hatte die Chung Ang Ilbo sich für die Symposien zu engagieren?“
Zeuge: „Die Verantwortlichen der Zeitungen fanden es an der Zeit derartige Foren zu initiieren und haben darum diese Symposien unterstützt . (sponserten wohl das 3. Symposium)
Verteidiger: „Geschah das unter dem Einfluss der DPRK?“
Zeuge: „Diese Behauptung kommt einer Beleidigung der Journalisten gleich und entbehrt jeden Zusammenhang mit den Tatsachen.“
Der Verteidiger fragt nach der Rolle Prof. Songs. Der Zeuge schildert, dass Prof. Song als Vermittler zwischen den nord- und südkoreanischen Wissenschaftlern gearbeitet hat und der jeweilig anderen Seite die Vorstellungen der Gegenseite übermittelt hat. Die Chung Ang Ilbo hat Prof. Song in dieser Rolle gebraucht und seine Reputation genutzt.
Staatsanwalt: „Wie können sie behaupten, dass es keine geheimen Mitglieder in der politischen Abteilung gab? Damals gab es wenig Informationen über die DPRK. Aus der Stellung auf der Liste der Gäste zur Beerdigung Kim Il Suns lässt sich auf die Bedeutung des Kim Chol Su schließen.“ Die Staatsanwaltschaft versucht weiterhin zu zeigen, dass Kim Chol Su evtl. von Kim Il Sun persönlich eingesetzt und später vom engeren Politbürokreis bestätigt wurde. Es geht darum zu zeigen, dass Kim Chol Su ein einflussreicher Mann in der Polit-Hierarchie der DPRK ist bzw. war.
Verteidiger: „Die Staatsanwaltschaft behauptet, dass Kim Chol Su von Kim Il Sun persönlich eingesetzt wurde. Wie wurden denn die Mitglieder in diesem Gremium der DPRK bestimmt?
Zeuge: „Die politische Abteilung (Politbüro) diskutiert normalerweise die Berufung neuer Mitglieder. Es ist schwer vorstellbar, dass Kim Il Sun das allein konnte.“ Der Zeuge weiß sehr genau über die Machtverhältnisse in der DPRK bescheid. Er kann ohne weiteres auf die Nachfrage der Verteidigung zu einer Liste mit einzelnen Personen, deren Position und Werdegang beschreiben. Er erklärt, dass die Mitglieder dieses Gremiums gewöhnlich alle Spezialisten auf ihrem Gebiet sind und so in den engeren Führungskreis der DPRK gekommen sind. Prof. Song hätte mehrmals darüber geklagt, dass er Schwierigkeiten gehabt habe Nordkoreaner von Themen für Symposien zu überzeugen. Wie kann er da zum engeren Kreis der Machthaber gehört haben? Er war selten in der DPRK und er war ein „einfacher“ Wissenschaftler aus Deutschland. Der Zeuge fragt in Richtung Staatsanwaltschaft ob es sein kann, dass ein Wissenschaftler, der Symposien zwischen Nord- und Südkorea vorbereitet, dadurch in die politische Abteilung (Politbüro) befördert werden kann.
Staatsanwalt: „Prof. Song sagte selbst, er gehöre zu diesem engeren Kreis der Führung.“
Prof. Song: „Das habe ich nie gesagt.“
Staatsanwalt: „Wir gehen davon aus, dass sie das gesagt haben!“
(Diese lächerlich dreiste Argumentation wird von Gelächter im Publikum begleitet und steht beispielhaft für das Niveau der Argumentation der Staatsanwaltschaft während des gesamten Prozesses.)
Prof. Song: „Sie haben sich eine Prämisse zurechtgelegt, nach der sie mich vorverurteilen. Auf Grund dieser Prämisse befragen sie mich. Das ist der Grund, weshalb ich teilweise nicht antworte.
Zeuge Yu: Als ich 1989 bei der Chung Ang Ilbo zu arbeiten begann, war ich der einzige DPRK Spezialist. Ein Platz auf der Beerdigungsliste lässt nicht unbedingt auf den Platz in der Hierarchie schlussfolgern. Die Staatsanwaltschaft geht von einer Mitgliedschaft Prof. Songs im Politbüro der DPRK aus.
Richter: „Fragt Herrn Yu wann bestimmte Leute Mitglieder in diesem Gremium geworden sind. Er benennt drei Namen und lässt sich Auskünfte geben. Herr Yu kann ohne Schwierigkeiten Auskunft erteilen. Letzteres scheint der Richter prüfen zu wollen.
Staatsanwalt: „Hwang Jang Yeop hat behauptet, dass Prof. Song und Kim Chol Su identisch sind.
Zeuge: „Das lässt sich so einfach nicht behaupten.“
Verteidiger: „Welchen Einfluss haben die Symposien ihrer Meinung nach auf die Entwicklung der Beziehungen beide Staaten gehabt?“
Der Zeuge erklärt, dass sie großen Einfluss auf das Zustandekommen des Gipfeltreffens 2000 gehabt haben. Ein solches Treffen wäre ohne diese Vorarbeit schwer möglich gewesen.
Richter: „Danke.“
Staatsanwalt: „Sorry, noch eine Frage. Ist es nicht so, dass die DPRK diese Symposien diktiert hat?“

15:10 Uhr Zeuge Kil Sueng Huem (ehemalige Vorsitzende der Koreanischen Politikwissenschaftsvereinigung, Parlamentsangehöriger von 1996-2000)
1966 an der Seoul National University (SNU) Politikwissenschaft studiert, dann Auslandsstudium in den USA und anschließend Prof. für Politikwissenschaft an der SNU

Sein Motiv hier auszusagen bestehe darin, dass die Staatsanwaltschaft ihn, obwohl Gründer der Wiedervereinigungskonferenz nicht zu dieser Frage angehört hat.
1994 hat er Prof. Song in Berlin getroffen. Er selbst hatte Interesse Prof. Song zu treffen, um den Austausch zwischen nord- und südkoreanischen Wissenschaftlern zu organisieren. Als Politwissenschaftler war er von der Notwendigkeit einer solchen Möglichkeit des Austausches überzeugt. Er fragte Prof. Song, ob der nicht in dieser Richtung aktiv werden könnte. Worauf Prof. Song erwiderte, dass das 1995 möglich sein könnte.

Verteidiger: „Haben sie mit anderen diese Idee entwickelt?“
Zeuge: „Nein, das war meine Idee. Prof. Song habe ich um Hilfe gebeten, weil ich von seinen Möglichkeiten erfahren hatte. Ich habe daraufhin die Zeitung DongaIlbo um finanzielle Unterstützung gebeten, aber die reagierten nicht. Nach einer zweiten Anfrage machten sie den Vorschlag eine solche Konferenz mit Japan zu organisieren.“ Schließlich hat die „HangugIlbo“ dieses Projekt mit Geld unterstützt, das ursprünglich für ein Umweltprojekt vorgesehen war. Ich habe damals beim Nationalen Sicherheitsdienst das Vorhaben einer solchen Konferenz angemeldet. Dort gab es sehr unterschiedliche Positionen. Der Nationale Sicherheitsdienst hat meine eingereichte Teilnehmerliste geprüft und einen Teil der beantragten Teilnehmer von der Liste gestrichen. Ich habe dann viele Auslandskoreaner zu dieser Konferenz eingeladen. Der Nationale Sicherheitsdienst hat diese Konferenz genehmigt. Die wussten auch von der Vermittlungsrolle, die Prof. Song inne hatte. Während ganz progressive Wissenschaftler von der Liste gestrichen wurden, hat man zu Prof. Songs Rolle kein Wort gesagt. Die Themenfindung zu dieser Konferenz erfolgte dann getrennt in Nord und Süd. Jede Seite machte ihre Vorschläge.
Verteidigung: „War Prof. Songs Rolle problematisch?“
Zeuge: „Was heißt problematisch? Ich habe mich bei Prof. Song bedankt für seine Arbeit. Ich bin überzeugt, dass wir, je mehr Beziehungen wir schaffen werden, je mehr Fortschritte können wir auf dem Weg der Wiedervereinigung machen.“
Das widerspricht der Behauptung der Staatsanwaltschaft, die Themen seinen von Seiten der DPRK oktroyiert worden. Das Publikum begleitet diese Ausführungen Herrn Gils wiederholt mit Gelächter. Der Richter bittet um Ruhe.
Die Staatsanwaltschaft hinterfragt die Rolle Prof. Songs in diesem Prozess. Der Zeuge bekräftigt seine Vermittlerrolle beim Zustandekommen der 1. Konferenz. Die Staatsanwaltschaft erwähnt, dass Prof. Song stolz von einer 5 Stunden dauernden Unterredung mit Kim Il Song geredet hat. Die Verteidigung interveniert, dass das aus dem Zusammenhang gerissen und zu unterlassen ist.
Die Staatsanwaltschaft fragt nach der Atmosphäre der Konferenz.
Der Zeuge beschreibt diese als sehr gelöst, es wurde gemeinsam gesungen und man hat allgemein den Wunsch geäußert derartige Treffen zu wiederholen.
Richter: „Wer hat die Initiative für eine 2. Konferenz geäußert?“
Zeuge: „Das hat sich aus der Atmosphäre dieser ersten Begegnung ergeben.“

15:45 Dr. Rainer Werning (Vorsitzender des Korea Verbandes) betritt den Zeugenstand. Der Richter fragt die Dolmetscherin wie oft sie denn schon bei solchen Gelegenheiten übersetzt hat. Dr. Werning befragt er zu dessen Personalien. Als Dr. Werning sich als Politikwissenschaftler und Journalist vorstellt, fragt der Richter nach seinem derzeitigen Beruf. Dr. Werning wird vereidigt, indem die Dolmetscherin den Eid ins Deutsch übersetzt und Dr. Werning im Anschluss äußert, dass er die Formulierung akzeptiert.

Die Verteidigung stellt Dr. Werning vor, indem sie Fragen zu seiner Arbeit stellt, die Dr. Werning dann zu bejahen bzw. deren Formulierungen er zu korrigieren hat. Z.B. „Sie hatten in den 70iger Jahren großes Interesse an der Demokratiebewegung in den Philippinen? In den
80iger Jahren haben sie Politik, Philosophie und Soziologie studiert? Sie haben 1984 ihre Dissertation abgeschlossen?“ u.ä. Durch eine ähnliche Fragetaktik wird Dr. Wernings Engagement in der Korea Arbeit in Deutschland vorgestellt. Ca. 20 Leute verlassen jetzt nach und nach den Gerichtssaal trotzdem reichen die Sitzgelegenheiten noch nicht für alle Besucher.
Der Verteidiger schildert durch seine Fragestellung, dass Dr. Werning Prof. Song durch sein Engagement für Korea in Deutschland kennen gelernt hat und das beide Männer durch die gemeinsame Arbeit über viele Jahre durch eine sehr enge Freundschaft verbunden sind. Dr. Werning hat Prof. Songs Publikationen begleitet und gemeinsam mit ihm Seminare und Konferenzen durchgeführt.
Dr. Werning: „Wir haben besonders oft redaktionelle Arbeit getan und dabei viel Zeit für die exakte Übersetzung von Texten investiert.“
Verteidiger: „Hat Prof. Song dabei besonders die DPRK gelobt und die RO Korea kritisiert?“
Dr. Werning: „Das kann ich mit einem kategorischen NEIN beantworten.“
Es geht dann im Folgenden um die Veröffentlichung des Buches „Südkorea - Kein Land für friedliche Spiele“.
Dr. Werning erklärt, dass dieses Buch von einem Autorenteam geschrieben wurde und es damals seine Aufgabe war, die Verhandlungen mit dem Rowohlt Verlag zu führen. 1986/87 sorgte die erstarkte Demokratiebewegung in Korea für Schlagzeilen in der deutschen Presse. Dadurch wuchs das Interesse in Deutschland sich mit Korea zu beschäftigen. Gleichzeitig waren damals die Ereignisse des Gwangju Massakers im Bewusstsein der Deutschen noch sehr gegenwärtig. Dr. Werning erzählt von seinen persönlichen Erlebnissen am 9.7.1987 in Seoul bei einer Gedenkfeier aus Anlass des Todes von Lee Han Yol, der bei den Demonstrationen ums Leben kam. Das Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Situation in Korea wuchs dann noch durch die Ausrichtung der Olympischen Spiele 1988 in Korea. Es gab zu dieser Zeit auch eine Korea Kampagne in Deutschland. „Südkorea – kein Land für friedliche Spiele“ wurde auf diesem geschichtlichen Hintergrund veröffentlicht.
Der Verteidiger verweist auf das Vorwort, in dem sinngemäß die Rede davon ist, dass dieses Buch mit dem Ziel eines tieferes Verständnis für die Verhältnisse in Korea geschrieben worden ist. Der Verteidiger erklärt weiter, dass der Teil des Buches, der die politischen Verhältnisse zum Thema hat, von Dr. Werning geschrieben wurde, während Prof. Song für die Darstellung der wirtschaftlichen Situation verantwortlich war. Prof. Song sollte in seiner Darstellung besonders auf die unterschiedlichen Verhältnisse in Stadt und Land eingehen. Da ihm die Situation auf dem Land wenig bekannt war stützte er sich bei der Schilderung derselben vorrangig auf Veröffentlichungen in einer autonomen Bauernzeitung und einer katholischen Bauernzeitung.
Die Staatsanwaltschaft fragt Dr. Werning ob es stimmt, dass Prof. Song die Lage der Landbevölkerung als besonders elend charakterisiert hat. Dr. Werning verweist darauf, dass die entsprechenden Textpassagen Zitate aus den o.g. Zeitungen und Aussagen koreanischer Bauern sind und dass diese Statements die Darstellung von Prof. Songs auflockern sollten. Er ergänzt dann, dass Prof. Song 2 Beiträge für die Publikation geliefert hat, neben der Darstellung der Stadt-Land Problematik hatte er einen Beitrag zur Frage, ob die RO Korea dem japanischen Modell folgt, zu schreiben. Der Verteidiger bittet Dr. Werning dann um eine kurze Inhaltsangabe zu den einzelnen Kapiteln. Dr. Werning meint, die kürzeste Inhaltsangabe wäre, dass dieses Buch der aufkeimenden Demokratie in Korea ein Sprachrohr bieten sollte. In Absprache mit Partnern in Korea wollte man einen Beitrag dazu leiste, dass es nicht, wie 1980 und 84, erneut zu einem Boykott der Olympischen Spiele kommen sollte. Das sollte verhindert und gleichzeitig sollten diese Spiele kritisch begleitet werden. Noch einmal insistiert der Verteidiger Einzelheiten zu den einzelnen Kapiteln zu erfahren. Dr. Werning zählt verschiedene inhaltlich Schwerpunkte auf. Der Verteidiger resümiert, dass das Buch sicher kein Werbematerial für die damalige Regierung in Korea war, sondern einen Beitrag zur Demokratisierung von einer kritischen Position aus geliefert hat. Dr. Werning: „Mehr noch, wir wollten all jenen in Korea eine Stimme geben, die Kritik an den damaligen Verhältnissen äußerten.“
Verteidigung: „Das Buch hat eigentlich nicht direkt mit den Olympischen Spielen zu tun.“
Dr. Werning: „Ja, aber der Titel wiederspiegelt exakt die damalige Wirklichkeit, die eben nicht friedlich war.“ Dr. Werning berichtet, dass er 1987 selber bei einem Besuch und der Teilnahme an einer Demonstration in Seoul von koreanischen Polizisten geschlagen wurde und dem Angriff auf die Demonstranten mit Tränengas ausgesetzt war.
Der Verteidiger verweist auf den Verkaufserfolg dieses, in Deutschland geschriebenen Buches und wertet dessen Veröffentlichung als einen Erfolg, den damals kein Koreaner durch eine Veröffentlichung zu dieser Thematik verbuchen konnte. „Wie empfinden sie es, dass dieses Buch heute in diesem Prozess Gegenstand der Debatte ist?“
Dr. Werning: „Das spricht für die Qualität dieses Buches. Es ist lächerlich, dass dieses Buch noch heute für Ärger sorgt. Letztlich zeigt es aber auch die Macht des Wortes.“
Verteidigung: „Sie sind seit 20 Jahren mit Prof. Song freundschaftlich verbunden. Können sie etwas zur Person Prof. Songs sagen?“
Dr. Werning bedankt sich für diese Möglichkeit. Dann schildert er, dass er schockiert war über Bilder, die Prof. Song wie einen Schwerverbrecher gefesselt zeigen, ebenso über die anfänglichen Verhöre ohne Rechtsbeistand und die unzureichende ärztliche Betreuung. „Der Mann gehört frei und nicht ins Gefängnis.“ Er äußert sich zur unzeitgemäßen Anwendung des Nationalen Sicherheitsgesetzes, das aus der Zeit des Kalten Krieges stammt. Er bemerkt, dass der Buchtitel zur Olympiade nicht besser hätte gewählt werden können und dass man eine solche Veröffentlichung zum Worldcup 2002 vielleicht mit „Südkorea – ein Land für friedliche Spiele“ hätte betiteln können. Der Richter bittet Dr. Werning sich kürzer zu fassen.
„Prof. Song ist ein integrer Wissenschaftler“. Er hätte sich als Stimme aus Asien in Europa eingebracht. Erschütternd sei die Vorverurteilung Prof. Songs durch die Medien in Korea. Vor 3 Jahren bekam Kim Dae Jung den Nobelpreis für seine Sonnenscheinpolitik. Prof. Song hat sich lange davor schon für diese Entwicklung eingesetzt.
Die Staatsanwalt verlangt das Dr. Werning sich kürzer fassen soll.
Dr. Werning vereist auf die tragische Opferrolle Koreas in der Geschichte. Erst kolonialisiert durch Japan, dann geteilt und politisch abhängig von den USA. Genau diese Tragik spiegelt sich im Fall Prof. Songs wieder.

Staatsanwalt: „Sie sagten, der Buchtitel wiederspiegelte subjektiv und objektiv die Lage in der RO Korea.“ Dr. Werning: „Korea war kein friedliches Land.“
Staatsanwalt: „Sie haben sich damit nicht gegen die Ausrichtung der Olympiade in Korea ausgesprochen?“
Dr. Werning: „Nein.“
Die Staatsanwaltschaft fragt weiter: „Wie oft waren sie in Korea? Wie lange insgesamt? Haben sie Nordkorea besucht? Wie lange waren sie insgesamt dort? Hat der Angeklagte sie begleitet in Nordkorea?“
Dr. Werning verneint Letzteres und bekräftigt, dass diese Reise ureigenstem Interesse entsprach, auch nicht auf Anregung Prof. Songs erfolgte, sondern dazu diente sich ein eigenes Bild von diesem Land zu machen.
Staatsanwalt: „Im Vorwort ist die Rede von Armut, unmenschlichen Arbeitsbedingungen, grausamer Unterdrückung der Opposition in Korea. Wer hat das Vorwort geschrieben?“
Dr. Werning: „Das ist vom Autorenteam gemeinsam verfasst worden. Wir haben uns dabei auf veröffentlichte Fakten der ILO gestützt, dort kann man das nachlesen.“
Staatsanwalt: „Gab es keine Änderungen oder Zusätze nach dem Redaktionsschluss im Oktober 1987?“
Dr. Werning: „Das Buch beruht auf dem Stand Anfang November 1987.“ Der Staatsanwalt fragt noch einmal nach Änderungen nach Oktober 1987 und wer welche Beiträge geprüft hätte. Er will wissen, ob Prof. Song die Objektivität des Buches in Frage gestellt, Einwände gegen den Titel erhoben hat oder darum bat, seinen Artikel wegfallen zu lassen.
Dann will er wissen, wer den Beitrag „Mein Leben als Bauer“ übersetzt hat, den Prof. Song in seinem Artikel zitiert. Dr. Werning verweist darauf, dass man die entsprechenden Angaben im Buch finden kann. Dann fährt der Staatsanwalt fort: „Sie haben in ihrem Beitrag Chun Doo Hwan mit Marcos verglichen und Korea sehr pessimistisch dargestellt. Zeigt das nicht, dass sie gegen die Ausrichtung der Olympiade in Korea waren?“
Dr. Werning entgegnet, dass der Bezug zu den Philippinen damals top-aktuell gewesen war. Die gleichen Krisenmanager aus den USA, die den Sturz Marcos organisierten, waren dann in Seoul und haben Chun Doo Hwan davon abgehalten das Kriegsrecht zu verhängen bzw. ihn dann durch Roh Tae Woo ersetzt.
Die Verteidigung moniert, dass die Staatsanwaltschaft ständig Fragen zur Arbeit Dr. Wernings stellt und nicht zu Prof. Song. Dr. Werning fragt, ob er der Staatsanwaltschaft eine Frage stellen kann. Das könne er nachher privat machen, erhält er zur Antwort.
Staatsanwalt: „Sie halten Südkorea für einen von der USA abhängigen Staat?“
Dr. Werning: „Historisch unbestritten ist, dass die Zeit nach 1945 nicht die lang ersehnte Unabhängigkeit Koreas brachte, sondern die Kolonialisierung durch die USA. Wie heute in Afghanistan oder im Irak wurde der damalige Präsident von den USA geschickt.“
Staatsanwalt: „Ihre Darstellung des Koreakrieges zeigt, dass sie der Meinung sind, Südkorea hätte den Krieg begonnen.“
Dr. Werning: „Das ist falsch. Sie haben offensichtlich das Buch nicht richtig gelesen. Beidereitige Provokationen haben den Krieg ausgelöst. Sicher hat die DPRK dann die Grenze überschritten.“ Der Staatsanwalt zeigt Dr. Werning eine Zeitung und fragt, ob er die kennt. Der bejaht und fügt hinzu, dass es sich um eine sehr regierungsnahe Zeitung (Das Parlament) handelt. Der Staatsanwalt weist auf einen Artikel in dieser Zeitung vom 2.9.1988 hin, in der das Buch „Südkorea – kein Land für friedliche Spiele“ rezensiert wird. „Haben sie das schon gelesen?“
Dr. Werning: „Ich kenne sowohl den Artikel, als auch den Autor.“ Der Staatsanwalt zitiert kritische Passagen aus der Rezession. Dr. Werning entgegnet, das sei ja nun der Vorteil einer Demokratie, dass man durchaus verschiedener Meinung sein kann und es wäre normal, dass es unter vielen guten Kritiken auch einige negative gäbe. Manchmal ginge es auch weniger um die Rezession als um den Darstellungsdrang des Rezensenten usw.
Staatsanwalt: „In dieser Rezension heißt es, dass die Beiträge dieses Buches die Entwicklung in Korea auch nicht um einen Millimeter weiterbrächten. Wussten sie das?“ Dr. Werning bejaht die Frage und wird dann gefragt, ob er auch Beiträge für marxistische Zeitungen geschrieben hat. Daraufhin erwidert er, dass er nicht nur für marxistische Zeitungen, sondern auch für Kirchenzeitungen und gelegentlich auch für „Das Parlament“ Artikel schreibt und zwar solange, wie man seine Artikel ungekürzt und unzensiert abdruckt. Er wirft der Staatsanwaltschaft selektives Zitieren aus der Zeitung „Das Parlament“ vor und fügt hinzu, dass dort durchaus auch lobende Passagen in dem Artikel vom 2.9.88 enthalten sind.
Der Staatsanwalt sorgt dann für seine eigene Weiterbildung und fragt: „Ist die BRD ein friedliches, demokratisches Land? Ist in einem solchen Land eine kommunistische Partei zugelassen? Gab es in der Vergangenheit ein Verfahren gegen die kommunistische Partei vor dem Bundesverfassungsgericht?“
Nachdem Dr. Werning einen kurzen Abriss der Geschichte der KPD bzw. DKP gegeben hat, zeigt ihm der Richter einen Artikel von Prof. Song und bittet zu den im Text enthaltenen Zitaten die entsprechenden Autoren zu identifizieren. Er fragt dann, ob die Untertitel der einzelnen Kapitel des Buches von Dr. Werning und dem Verlag gewählt wurden, was dieser bejaht.

Noch beobachten ca. 80 Personen den Prozess, in dem ab 17:50Uhr Herr Park Ho Seong als Zeuge befragt wird. Herr Park ist Direktor der Korea Democracy Foundation und hat Ende der 70iger Jahre in Berlin studiert.

Herr Park erklärt, er hätte in einer koreanischen Illustrierten von einer Namensverwechslung gelesen. Dabei wurde der Name Kim Chol Su als Kim Song Su wiedergegeben und jener mit Song Du Yul gleichgesetzt, der in Frankfurt leben würde. Prof. Song war damals sehr enttäuscht von dieser Beurteilung, die auf einer Aussage von Hwang Jang Yeops basierte. Man beriet eine Anklage gegen Hwang vorzubereiten. Prof. Song aber verwarf diesen Gedanken, weil er davon ausging, dass evtl. der Geheimdienst diese Information lanciert hatte.
Verteidigung: „Wann erfuhren sie davon, dass Prof. Song Mitglied der Arbeiterpartei der DPRK ist?“
Herr Park: „Das habe ich kürzlich im Zusammenhang dieses Prozesses erfahren.“ Im gleichen Zusammenhang hätte er auch von dem erneuten Vorwurf erfahren, dass Prof. Song mit Kim Chol Su identifiziert wird. Er kenne Prof. Song aber bereits seit 30 Jahren usw.. Herr Park versucht diese Theorie um Kim Chol Su zu entkräften. Er beschreibt Prof. Song als Wissenschaftler, der aber kein Kämpfer ist und fügt hinzu, dass es ihn schmerzen würde, wie man mit diesem Mann umgeht.

Staatsanwalt: „Der Angeklagte war 6 Mal in der DPRK und hat dort auch Kim Il Sun getroffen. Haben sie von diesen Besuchen gewusst? “ Herr Park bejaht.
Staatsanwalt: „Haben sie 1994 von den Plänen ein Symposium durchzuführen gehört“
Wussten sie, dass der Angeklagte Hwang Jang Yeop 1994 im Juli getroffen hat?“ Herr Park verneint die letzte Frage.
Staatsanwalt: „Wussten sie, dass der Angeklagte als Kim Chol Su zur Beerdigung von Kim Il Sun eingeladen war?“

Prof. Song äußert, er selber wüsste nicht mit Sicherheit zu sagen, wie oft er in die DPRK gereist sei. Im Pass sind Eintragungen teilweise sehr schwer zu lesen, so dass sich auch auf diese Weise nicht mit Sicherheit feststellen ließ, wie viele Male und wann genau er die DPRK besucht hat.

Um 18:40 Uhr gibt der Richter bekannt, dass die nächste Verhandlung vom 13. auf den 14. Januar 2004 verlegt wurde und diese Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Vernommen wird dann der Zeuge Hwang Jang Yeop. Die Anwesenden werden gebeten den Gerichtssaal zu verlassen. Nach einer kurzen Unterbrechung, wird ab 19 Uhr Herr Oh Gil Nam unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen.

Jörg Baruth, Mitarbeiter des Evangelischen Missionswerkes in Südwestdeutschland in Korea

Seoul, den 7.1.2004