Bericht zum 8. Verhandlungstag im Prozess von Prof. Song (24.2.04)
Die Verhandlung findet nicht wie bisher gewohnt im Raum 311 statt, sondern im Gerichtssaal 417. Etwa 90 Personen sind gekommen um den Prozess zu beobachten.
Als Prof. Song um 14:03 Uhr den Gerichtssaal betritt, winkt er den Anwesenden zu, viele erwidern winkend seinen Gruß. Der Richter reagiert nicht wie gewohnt mit Ermahnungen darauf.
Es sind 2 Staatsanwälte anwesend, einer nimmt zum ersten Mal an der Verhandlung teil.
Von den Verteidigern befinden sich 5 im Gerichtssaal.
Die Lautsprecheranlage ist übersteuert und verzögert den Beginn der Verhandlung durch durchdringendes Pfeifen. Nachdem dieser "technische Protest" verstummt ist, beginnt der Richter die Verhandlung. Er überprüft Beweismaterial der Verteidigung, überwiegend Zeitungsartikel.
Um 14:20 Uhr reicht dann die Staatsanwaltschaft einen Zeitungsartikel ein, den Prof. Song veröffentlicht hat, außerdem Bücher von Prof. Song.
Der Richter fragt jeweils die Gegenpartei, ob sie der Einreichung des Beweismaterials der anderen Seite zustimmen. Es gibt keine Beanstandungen.
Um 14:40 Uhr wird Prof. Song vom Richter gebeten Material der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis zu nehmen und zu bestätigen, dass er dort richtig wieder gegeben wird. Der Richter reicht dann Prof. Song eines seiner Bücher und lässt ihn zu einer ausgewählten Passage, in der es um die Juche Ideologie geht, Stellung nehmen. Prof. Song beschreibt die 3 Säulen der Juche Ideologie und benennt als solche den Staatschef, die Partei und das Volk. Es wird deutlich, dass Prof. Song die Rolle des Staatschefs kritisch sieht.
Der Richter fragt noch einmal nach Prof. Songs Verständnis der Juche Ideologie. Richter: "Sie haben doch die Juche Ideologie kritisiert, nicht wahr?" Prof. Song erwidert, dass er z.B. das Herrschaftsmonopol Kim Jeong Ils und dessen Führerrolle kritisiert hat.
Überraschend gibt der Richter um 14:55 Uhr bekannt, dass der nächste Verhandlungstermin für den 9. März 2004 anberaumt wird. Dann wird ein Zeuge der Verteidigung vernommen werden. Damit ist die heutige Verhandlung beendet.
Jörg Baruth, Mitarbeiter des Evangelischen Missionswerkes in Südwestdeutschland in Korea
Seoul, den 24.2.2004